Brandgansmonitoring im Wattenmeer

Ein Ruck, dann nehmen die beiden Propeller Fahrt auf und sind nicht mehr zu sehen. Die zweimotorige Partenavia 68 holpert über die Piste des Büsumer Flugplatzes, hebt ab, gewinnt an Höhe und ist schon über dem Deich. Vor der Maschine erstreckt sich bis an den Horizont eine der faszinierendsten Landschaften Deutschlands – das Wattenmeer. Es tut sich eine imposante Welt aus Dünen, Prielen und verästelten Wasserläufen vor uns auf. Am Horizont steht – wie eine abgeschottete Burg – die Bohr- und Förderinsel Mittelplate.

Seit im Juni 1985 mit dem Bau der künstlichen Insel begonnen wurde, wird das Ölförderprojekt vor der Westküste Schleswig-Holsteins von umfangreichen Monitoringmaßnahmen begleitet. Auch heute noch werden die Wechselwirkungen zwischen Mittelplate und Wattenmeer im Auftrag der DEA genau untersucht und dokumentiert. Die Leitfrage lautet: Haben die Aktivitäten der DEA im Watt Auswirkungen auf die Natur und die Biodiversität?

Wie alle Entenvögel erneuern auch Brandgänse nach der Brutzeit ihre Flügelfedern synchron und sind bis zum Nachwachsen der neuen Federn etwa vier Wochen flugunfähig.

Haben die Aktivitäten der DEA im Watt Auswirkungen auf die Natur und die Biodiversität? 

Zu den Maßnahmen zählt die Beobachtung von Veränderungen der Wattenmeerlandschaft: Wohin verlagern sich Sandbänke? Wie ändern Priele ihren Lauf? Auch die kleinsten Lebewesen stehen unter Beobachtung: So wird nach Eingriffen in den Wattboden beispielsweise durch die Pipelineanbindung der Mittelplate die Entwicklung der Benthosorganismen im Bereich des Eingriffs mit derjenigen in unbeeinflussten, benachbarten Bereichen verglichen. Alles wichtige Informationen, die auch Forschungseinrichtungen und der Nationalparkverwaltung als wichtige Erkenntnisquelle dienen: „Das regelmäßige DEA-Monitoring liefert uns profunde Daten, mit denen wir die von uns erhobenen Informationen sinnvoll ergänzen können. So bekommen wir ein genaueres Bild vom einzigartigen Wattenmeer und von seinen Bewohnern“, betont Dr. Detlef Hansen, Leiter der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Eine weitere Maßnahme ist das Brandgansmonitoring. Der Biologe Norbert Kempf und sein Mitarbeiter Volkmar Fritz sind hierbei zunächst im Flugzeug unterwegs, um aus luftiger Höhe die Vogel zu zählen. Seit 1988 werden die Tiere jährlich vom Flugzeug aus mithilfe von Luftfotos gezählt. Seit 1997 gibt es ein etabliertes Monitoring mit etwa zehn Befliegungen pro Saison in den ungeraden Jahren im Auftrag der DEA. Hinzu kommen drei Zählungen pro Saison in den geraden Jahren im Auftrag des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein.

Nach dem Beginn der Zählungen im Jahr 1988 hatten die Brandgansbestände im traditionellen Mausergebiet zwischen Knechtsand und Trischen bis zur Jahrtausendwende auf bis zu 220.000 Tiere pro Saison zugenommen. Seither gingen die Zahlen zurück und das Saisonmaximum betrug in den letzten Jahren etwa 150.000 bis 160.000 Tiere. Trotzdem versammelt sich der Großteil der Brandgansbestände aus Nord- und Westeuropa weiterhin jedes Jahr zwischen Juni und September zur Flügelmauser im Wattenmeer vor der Dithmarscher Nordseeküste nördlich der Elbmündung. In dieser Zeit sind die Vögel flugunfähig und reagieren besonders empfindlich auf Störungen. Um einen möglichen Einfluss der Mittelplate auf die Brandgansbestände zu ermitteln, werden im Rahmen der Befliegungen die Zahl und die genauen Aufenthaltsorte der mausernden Brandgänse erfasst. Kempf: „Wir haben eine große Verantwortung für den Schutz der Tiere und müssen sie vor Störungen schützen. Das südliche Dithmarscher Wattenmeer ist der zentrale Mauserplatz für Brandgänse aus ganz Europa. Jetzt im August, am Ende der Mauser, zeigt sich, dass wieder über 150.000 Brandgänse im weiteren Umfeld der Mittelplate ihr Gefieder gewechselt haben. Die in den vergangenen Jahren abgewanderten Tiere verbringen ihre Flügelmauser mittlerweile in den Niederlanden, wo sich ein neues Mausergebiet entwickelt hat.“ 

Weil es einfach zu viele Brandgänse sind, fotografiert Kempf die Vogelansammlungen. Der weiß gesprenkelte Wattboden veranlasst ihn zu der Aussage: „200 flugfähige und 800 flugunfähige Brandgänse.“ Nach Jahrzehnten des Zählens liegt er mit seinen Schätzungen meist ziemlich genau – die anschließende Auswertung der Fotos am Büro-Computer wird dies bestätigen. Oft kommt es bei der Zählung zu erschwerten Bedingungen: Unter die Brandgänse mischen sich oft Möwen. Kempf erkennt dies mit einem Blick. So kommentiert er bei einer der Befliegungen nach dem Blick durch das Fernglas: „120 flugunfähige Brandgänse und 80 Silbermöwen.“ Mitarbeiter Fritz notiert die Zahlen auf seinem Block. Seit vier Jahren sind er und Kempf ein eingespieltes Team. Wenn es darum geht, alle Vogeltrupps zu erfassen, ist eine systematische Flugroute ein absolutes Muss. Hier kommt der dritte Mann des Teams ins Spiel. Pilot Kai Uwe Breuel überfliegt das Watt in regelmäßigen Schleifen, folgt nach einem eingeübten System bestimmten Prielen und muss die Winddrift von der Seite ausgleichen. Immer wenn eine Ansammlung von Vögeln erscheint, erfolgt ein Kommando wie „rechts!“, mit dem Kempf den Winkel für das Foto verbessert – denn nur scharfe, kontrastreiche Bilder können zweifelsfrei ausgewertet werden.

„Wir haben eine große Verantwortung für den Schutz der Tiere und müssen sie vor Störungen schützen. Das südliche Dithmarscher Wattenmeer ist der zentrale Mauserplatz für Brandgänse aus ganz Europa.“

Diese abgelegene, fast menschenleere Region ist Rückzugsgebiet für eine unglaublich vielseitige Tierwelt.

Kempf und sein Team sichten neben den Brandgänsen häufig Schwärme von Eiderenten. „Die interessieren uns hier nicht, die werden viermal pro Jahr separat erhoben.“ Einige seltene schneeweiße Löffler – Einwanderer aus Südeuropa – und mehrere Sandbänke mit Seehunden und Kegelrobben runden das Bild des einzigartigen Biotops ab.

Die langjährigen Brandgansuntersuchungen haben gezeigt, dass der Routinebetrieb der Bohr- und Förderinsel Mittelplate keine Auswirkungen auf die mausernden Brandgänse hat. Es konnte beobachtet werden, dass sich im Laufe der Jahre der Mindestabstand der Brandgänse zur Insel aufgrund von Gewöhnungseffekten von ein bis zwei Kilometern auf unter einen Kilometer verringert hat. Auf Aktivitäten, die über den Routinebetrieb der Bohr- und Förderinsel im Wattenmeer hinausgehen, wird aus Rücksicht auf die Brandgänse im Zeitraum der Mauser verzichtet. Am Beispiel der Bohrund Förderinsel Mittelplate zeigt sich, dass Erdölgewinnung in Übereinstimmung mit den Zielen der Biodiversität betrieben werden kann.

Norbert Kempf bespricht mit dem Piloten die Flugroute.